Articles: St. Thomas Melancholisch Now (Intro - January 17th 2002)

"Ich bin nicht berühmt in Norwegen. Mich kennen nur die Leute, die sich wirklich intensiv mit Musik beschäftigen. Ich mache mir da nicht viele Gedanken. Ich mache mir nicht viel aus Verkaufszahlen und Popularität. Ich will, dass die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, die Musik lieben. Dass sie mich als Person lieben. Dass sie ihren Freunden davon erzählen und dass die dann zum nächsten Konzert kommen."

Das klingt bekannt, das hat man schon oft gehört. Aber warum, wenn es euch nicht um Popularität, nicht um möglichst viele verkaufte Platten geht, nicht um Fans, die euch bewundern, lieben - warum dann Pop? Was ich mich immer frage: Ist es echt, das Desinteresse am Erfolg? Natürlich ist die Antwort eigentlich immer ein Ja. Und natürlich ist dieses Ja auch im Falle von St. Thomas echt. Und es ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Musik. Kein Wunder bei folgender Vergangenheit:

"Ich war bis vor kurzem noch Postmann. Mein Leben hat sich jetzt völlig verändert. Seit ich mit dem Postjob aufgehört habe, toure ich mit meiner Band durch Europa. Wir treffen überall nette Leute. Überall gibt es neue nette Gesichter, neue Namen, die man sich merken muss. Ich bin eigentlich ein schüchterner Mensch, aber mein neuer Lebensstil zwingt mich, mehr auf Menschen zuzugehen. Und es ist wunderbar, sein Geld nicht mit einem 'normalen' Job verdienen zu müssen. Postmann zu sein, das war so deprimierend. Ich hatte jede Nacht diesen Traum: dass ich morgens aufwache und von der Musik leben kann."

Verspätete Einleitung
Die norwegische Band St. Thomas ist das Produkt ihres Sängers und Gitarristen Thomas Hansen. Ein Nerd, ein Bedroom-Producer, ein Indierocker, einer, der seine seltsamen Gedanken zu Songs verarbeitet. Und zwar, weil er das machen muss. Seine Songs können beides sein: große Balladen, Epen - oder Klamauk, witzig gemeinter Schnickschnack, der etwas anstrengend ist. Meistens ist Thomas Hansen auf der guten Seite, und dann ist sein Songwriting wirklich großartig. Neil Young, denkt man. Nicht nur wegen der Stimme.

"Neil Young ist gar kein so wichtiger Einfluss für mich. Natürlich höre ich das auch, dass meine Stimme wie die von Neil Young klingt - aber das ist einfach meine Art zu singen. Ich mag Neil Young, er hat großartige schöne Stücke geschrieben. Aber für mich ist Palace viel wichtiger. Ich habe Palace und Elliott Smith gehört und wusste, dass ich Musiker werden muss. In Oslo habe ich meine Freunde immer zu 'Palace-Partys' eingeladen. Wir haben stundenlang die Platten angehört, Whiskey getrunken und Bacon and Beans gegessen."

Thomas Hansen nennt sich selbst einen melancholischen Typen. Er solle mehr lächeln, sagen die Leute ihm. Dabei hat sich schon so viel geändert. Früher, da hat er tagelang alleine im Zimmer gesessen und mit niemandem gesprochen. Hat seine Lieder aufgenommen und die Welt vergessen und vernachlässigt. 1998 gründet er mit einem Freund die erste Band Emily Lang, die beiden machen sich einen kleinen Namen in der norwegischen Indieszene und trennen sich. Hansen nimmt alleine Stücke auf, veröffentlicht eine EP auf dem Indielabel Racing Junior, tourt als St. Thomas And The Magic Club mit wechselnden Gastmusikern durch die Clubs. Morgens Postbote, abends Rocker. Dann läuft seine erste LP im Radio und schafft Platz 6 der norwegischen Albumcharts. Alles wird anders. City Slang haben "I'm Coming Home" jetzt lizenziert.

Zum Schluss dieses Norwegen-Ding
"Es gibt ihn schon, diesen Norwegen-Hype. Das hat auch Bands wie Kings Of Convenience oder Röyksopp geholfen, bekannt zu werden. Ihr Menschen in den Musikmagazinen seit in der Position, um so Sachen zu schreiben wie 'Norway Now' - und dann schauen die Menschen nach Norwegen. Ich mag Hypes nicht. Ich will daran glauben, dass es Zufall ist, dass es in Norwegen gerade so viele gute Bands gibt. Italiener sind genauso talentiert wie Norweger, und überall gibt es aufregende Einflüsse. Wenn die Musikmagazine nach Spanien oder Finnland gucken, finden sie dort genauso interessante Sachen. Oslo und Bergen sind beides kleine Städte. Es gibt hier eine spannende Szene, neue Bands. In Oslo haben wir ein Café, das heißt Mono, und einen Club, der heißt So What. Alle Jungs, die da rumhängen, sind Musiker. Ich hänge da auch rum. Und jeder kennt jeden."

ALEXANDER JÜRGS.



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