Articles: Bitte freundlich behandeln (Berliner Zeitung - March 21st 2002)

Folkrock aus Norwegen: St. Thomas stellt im Bastard sein Debütalbum vor

Thomas Hansen war früher Postbote. Man kann sich gut vorstellen, wie der traurige junge Mann bei der Arbeit die Liebesbriefe anderer Menschen gelesen hat. Auf seinem Album "I m Coming Home", das der Norweger unter dem Künstlernamen St. Thomas eingespielt hat, singt er jedenfalls immer wieder über die freudige Erregung, die ihm die Gesellschaft von Fremden bereitet. Es geht hier um Ahnungen und Möglichkeiten, niemals darum, dass die Vereinigung tatsächlich geschieht. Das hält die Musik in einem wundersamen Schwebezustand.

Der stärkste Song dieses Reigens unerfüllter Sehnsüchte trägt den Titel "Strangers out of Blue"; Hansen berichtet darin von der Begegnung zweier Menschen, lässt den Ausgang dieses Treffens jedoch offen. Feinnervig wird jeder Stimmungswechsel registriert, und das düstere Tremolo der Orgel hellt mit aufziehender Hoffnung plötzlich auf. Klang und Text bilden eine magische Einheit.

Die Simplizität von Hansens Folksongs, sein Gespür für schlichte und enorm effiziente Akkordwechsel, erinnert an Neil Young. Dass der Mittzwanziger dann auch noch im rissigen Falsett singt und dass der knorrige Klang seines Albums auf "Harvest" und andere Young-Meisterwerke verweist, ist da beinahe nebensächlich. Die Reverenzen, die Hansen seinem Helden erweist, funktionieren nicht als findige Zitatkunst. Es gibt keine Brechungen und wenig Ironie; die Postmoderne ist bei St. Thomas schon längst überwunden. Mit der Single "Cornerman" etwa, die es in Norwegen auf Platz acht der Hitparade geschafft hat, schuckert sich Hansen ganz unverblümt an "Heart of Gold" heran. Er muss seine neoklassizistischen Elegien aber auch gar nicht aus dem Einflussgebiet des überlebensgroßen Folkrockers bugsieren - sie blühen sogar in Youngs mächtigem Schatten ganz prächtig.

Andere Musiker welken in so einer Atmosphäre schnell dahin. Erst Ende letzten Jahres brachte Nicolai Dunger, ebenfalls aus Skandinavien und in Deutschland bei der gleichen Plattenfirma wie St. Thomas beheimatet, das Album "Soul Rush" heraus, für das er den Soul-Jazz von Van Morrison nachahmte. Doch so kompetent und kunstvoll geschwungen die Imitationen des schwedischen Sängers auch daherkamen - den eigenen Tonfall, die eigene Geschichte suchte man vergeblich.

Anders bei St. Thomas: Er nutzt die bekannten Versatzstücke, um sich als echter auteur zu positionieren. So geht es bei ihm immer wieder um das Gefühl des In-die-WeltGeworfenseins und um die zaghaften Fluchtbewegungen aus diesem schmerzhaften Chaos. Dabei betreibt Hansen seine Sinnsuche beizeiten sogar mit trockenem Humor. In "Bookstore" etwa strandet der Erzähler, getrieben von den großen Rätseln des Lebens, in einem Buchladen - um völlig unaufgeklärt wieder von dannen ziehen zu müssen. Der traurige humanistische Exkurs wird von den Begleitmusikern mit Lamenti im Stil alter Apalachen-Gesänge angefeuert.

Diese forsche Aneignung amerikanischer Folklore verweist auf die Mountain Songs der Palace Brothers, deren Schaffen Hanson selbst als stärksten Einfluss nennt. Das inzwischen aufgelöste US-Ensemble verleibte sich die historischen Idiome ein, um die eigene unüberwindbare Isolation zu beschreiben, das erste Album trug den Titel "There s No-one What Will Take Care Of You".

Ganz so pessimistisch ist Thomas Hansen dann doch nicht. Auf dem Booklet zur neuen CD wird gebeten: "Please take care of him. " So höflich und hoffnungsfroh ließ kein anderer Musiker je für sich werben.

St. Thomas: I m Coming Home (Labels) Konzert: heute um 23 Uhr im Bastard

(CHRISTIAN BUSS)



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